Das Chemnitzer Monument sollte nicht das einzige dieser Art sein, welches er in der DDR errichtete. So kreierte er beispielsweise auch die Thälmann- Skulptur in Berlin, welche ahnen läßt, daß sich der Künstler in seiner Heimat intensiv mit Lenin Plastiken beschäftigte. Warum auch die Züge des geistigen Vaters nicht auf die Gesicht seines Zöglings projizieren? Im Gespräch mit den Abgeordneten entstand die Idee für das Projekt, ein Marx Monument in der DDR aufzustellen. Was lag näher, als den Kopf in der Stadt zu plazieren, die den Namen des "größten Sohnes der deutschen Nation " trägt. Zwei Jahre später ist der Künstler schon mit dem Fertigen einer überdimensionalen Tonfigur beschäftigt. Das Modell sollte nicht, wie anfangs geplant, den gesamten Habitus von Marx darstellen, sondern lediglich den Kopf. In einer Rede des Oberbürgermeisters hieß es, dies wäre: "... der größte modellierte Kopf seit der Entstehung der Sphinx in Ägypten ". Antike Figuren schienen den Künstler inspiriert zu haben, denn nach eigenen Angaben sollte das dichte Haupthaar der Plastik wie Flügel anmuten, welche die geistigen Ideen weit in die Welt hinaustragen sollten.
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Kein Wunder, daß das Antlitz schon ein wenig an den ägyptischen Sonnengott Ra erinnert. Als Platz für das künftige Denkmal wurde die Stelle vor der Schrifttafel am Hauptquartier der SED- Bezirksleitung auserkoren. So avancierte die Brückenstraße vom geographischen zum ideologischen Zentrum der Stadt- eine Konzentration geistiger Macht. Um dem weitläufigen Stadtzentrum endlich ein Gesicht zu verleihen, motivierte man Kreative in einem Architekturwettbewerb, den zentralen Platz zu gestalten. Lew Kerbels Idee bestand darin, "ein geschlossenes Ensemble zu erreichen, in das sich das künftige Monument harmonisch einfügt ". Wenn auch bis heute von einem geschlossenem Ensemble wenig zu spüren ist, kann man das Marx- Monument als ein Wahrzeichen der Stadt bezeichnen. Bei einem "kameradschaftlichen Meinungsstreit " innerhalb der Stadtverordneten bestand "Übereinstimmung ", so daß die Entstehung des Marx Kopfes in Karl- Marx- Stadt legitimiert war.
 Das Problem der Finanzierung brachte der Oberbürgermeister in einer euphorischen Rede auf den Punkt: "Und es ist eine Sache der Ehre für uns, daß wir dieses Symbol unserer Stadt nicht einfach aus dem Staatssäckel bezahlen, sondern daß wir durch Leistungen dazu beitragen, dieses Monument selbst zu finanzieren, denn es verkörpert ja unsere Idee, die Idee des Marxismus- Leninismus, mit der wir erfolgreich und siegreich vorwärts schreiten zum Sozialismus. Es ist das Symbol unseres Lebens, unserer Arbeit und unseres Kampfes ".
Währenddessen die Arbeiten in der Leningrader Skulpturengießerei bei der Umsetzung des tönernen Modells in Bronze schon in vollem Gange waren und die Karl Marx Städter Parteifreunde "überwältigt davon waren, wie die Leningrader Gießer dieses Werk zu ihrer Sache machten ", begann man in Karl Marx Stadt mit den Vorbereitungsarbeiten. Nach einer Zusammenkunft der SED Bezirksleitung am 3.9.1970 wurde festgelegt, das Monument bis zum 18.4.1971 zu montieren und am 21.4.1971 die feierliche Einweihung zu veranstalten.. Doch die Verpflichtungen des Professor Lew Kerbel, den Termin zu halten schienen erfolglos geblieben zu sein. So wurden die ehrgeizigen Pläne der Stadtväter um nahezu ein halbes Jahr in die Ferne gerückt. Doch das sollte nicht heißen, daß die Verantwortlichen dieses Projektes in der Zeit von April bis August untätig waren. So wurden mittels einer Initiativkonferenz, die aus 150 Generaldirektoren, Direktoren, Werkleitern und Vertretern der Öffentlichkeit bestand, verschiedene Initiativkomitees gebildet. Diese sollten mit Unterstützung der "gesellschaftlichen Kräfte " eine zielgerichtete Vorbereitung und Durchführung des gesellschaftlichen Höhepunktes gewährleisten. Alle Tätigkeiten im Hinblick auf diesen Höhepunkt wurden zu einer propagierten "Initiative ". So entwarfen die Komitees wiederum Initiativprogramme, welche die Finanzierungsfrage nun eindeutig klärten sollten. Am 22.7. war die Übergabe der Initiativprogramme zur Selbstfinanzierung an das Ehrenkomitee geplant. In gleichen Plan wurde, um den demokratischen Sinn auch bei dieser Sache zu wahren, ein Termin für eine Arbeiterjugendkonferenz festgesetzt. Da man sich jedoch sicher war, daß in besagter Konferenz dem Selbstfinanzierungsprojekt ohnehin zugestimmt wird, konnte die Übergabe des Projekts an das Ehrenkomitee fest eingeplant werden. Seitens der Stadtverwaltung wude es abgelehnt, das Projekt durch eine Umverteilung der Haushaltsmittel zu finanzieren. Die enormen Kosten des Monumentes und aller Vorbereitungen wurden auch tatsächlich im Rahmen der Selbstfinanzierung realisiert. Die Kosten für Monument und Aufstellung beliefen sich auf rund 1,5 Millionen Mark. Das Selbstfinanzierungsprojekt wurde in verschiedenen Formen durchgesetzt. So wurden beispielsweise die Bevölkerung, Kollektive und Jugendliche verpflichtet, mit zusätzlichen Leistungen Karl Marx zu ehren. Die Arbeiter des Fritz Heckert Kombinates waren sich bewußt, daß "...diese Wertschaffung (... ) Ausdruck der Verbundenheit unserer Arbeiter mit dem Werk Karl Marx " ist. So wurden in diesem Betrieb beispielsweise 40 000 Mark zusätzlich produziert.
| Während die Finanzierungsfrage in kürzester Zeit reibungslos gelöst wurde, kreuzte nun das schon längst überfällige Problem der Terminfestsetzung auf den Plan. Da sich anscheinend niemand so recht für die Frage verantwortlich fühlte, lag der endgültige Termin noch Mitte August im Nebel. Das Problem der Terminfestsetzung schien sich vom Sektor Kultur auf den Bereich Handel und Versorgung verlagert zu haben. In einem Schreiben vom 3.8.1971 an den Rat der Stadt forderte der Leiter dieses Bereichs, sich der Dringlichkeit des Problems bewußt, die Feierlichkeiten im Rahmen des 22. Jahrestages der DDR durchzuführen. Die Versorgungsbranche schien, was die Enthüllungsfeier betraf, ziemlich flexibel gewesen zu sein. So konnte der Versorgungsleiter gleich 5 verschiedene Varianten anbieten: den 2., 3., 7., 9. oder 10.10.1971. Letztendlich konnte man sich auf den 9.10.1971 einigen. Seit jenem Tag schmückt das Zentrum von Karl- Marx- Stadt ein außergewöhnliches Kunstwerk. Ein 40 Tonnen schwerer Bronzekopf, welcher die Macht und Bereitschaft tausender Berufstätiger dokumentieren sollte. Es entstand ein Monument von 7,20 Meter Höhe, welches aus neun Einzelteilen zusammengefügt wurde. Auch Gegner und Querulanten dieses Projekts konnten nicht verhindern, daß der Marx- Kopf nun als neues Wahrzeichen der Stadt fungierte, und dem "gesichtslosen Stadtzentrum " endlich ein Gesicht in doppelter Hinsicht verlieh.
 Ein Mitglied des Rates für Kultur war sich sicher, daß "... die künstlerische Gestaltung von Karl Marx durch Leninpreisträger Prof. Lew Kerbel sich in einem Kunstwerk höchsten Ranges repräsentiert und gleichsam die Deutsch Sowjetische Freundschaft als Herzenssache unserer Bürger und die führende Rolle der Partei zum Ausdruck bringt ". Um den Karl- Marx- Städtern den ideologischen Gehalt zu verinnerlichen, wurde im Monat August eine "Propagandistenkonferenz " einberufen. Darin wurde unter anderem eine Plakataktion beschlossen, welche auf die Enthüllung des Monuments zu Ehren des 22. Jahrestages der DDR orientiert war. Sinn und Zweck dieser Konferenz sollte es sein, die Bevölkerung zu motivieren und für die Monumentfeierlichkeiten zu begeistern. Natürlich bestand unter den Bürgern keineswegs Konsens in puncto Marx Monument. Auch die Deutsch Sowjetische Freundschaft war für die meisten ein wenig gewünschtes Organ und alles andere als Herzenssache. Es wurden Gegenstimmen und Proteste laut. Von den offiziellen Stellen wurden diese dementiert oder als Bagatellen abgetan.
| Die festliche Enthüllung wurde in ein ganzes Programm von Feierlichkeiten eingebunden. Die Wahlen zur Volkskammer und zu den Bezirkstagen im November bildeten den Höhepunkt dieser Ereignisse. Im Rahmen der Feierlichkeiten fand in Karl- Marx- Stadt auch die spektakuläre Ausstellung "Erforschung des Kosmos durch die UdSSR " statt, welche im Jahr 1971 zahlreiche Gäste in die Stadt lockte. So scheint es nicht verwunderlich, daß Karl- Marx- Stadt zur Enthüllung mit 350.000 Menschen aufwarten konnte, die dem Zeremoniell am 9. 10. 1971 beiwohnten. Ranghohe Politiker waren geladen, und Staatsoberhaupt Erich Honecker weihte das Denkmal persönlich ein. Zwischen Parteifunktionären der SED und anderen wichtigen Persönlichkeiten, wie beispielsweise dem Konsul der UdSSR, weilte auch Robert Jean Longuet, ein Urenkel von Karl Marx in der Stadt.

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| Stand: 2004 | | |