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 Stadtgeschichte von Chemnitz
 (Ausschnitt ) 

Folgt uns und laßt Euch einfangen vom alten "Rußchamtz ", dem einstmaligen "sächsischen Manchester " dem gewesenen Karl- Marx- Stadt.

Nur sehr lückenhaft sind Dokumente und andere Zeugen zur Frühgeschichte der Stadt überliefert.

Dieser Umstand hat bis in die 60er Jahre unseres Jahrhunderts hinein zu unterschiedlichen Deutungen der Entstehung von Chemnitz geführt. Die Anfänge von Ortsanlagen imheutigen Stadtgebiet und letztlich die Stadt selbst stehen mit dem um 1136  gegründeten Benediktinerkloster St. Marien auf dem Schloßberg in Verbindung. Dieses Kloster- von Pegauer Mönchen bezogen- kam wie andere in der weiteren Umgebung seiner Funktion nicht nur bei der Missionierung, sondern auch beim Landesausbau nach. So ist es ganz natürlich, daß parallel zur Klostergründung Dörfer in dessen Umland entstanden; ein überliefertes Zinsregister nennt hier Altchemnitz, Altendorf, Gablenz und Stelzendorf, wobei die Ansiedlung von Wolfsjägern in den beiden erstgenannten sogar noch in die vorklösterliche Zeit zurückreicht.

Dem Kloster wurde nun 1143  das Recht verliehen, bei dem "locus Kameniz dictus"- bei dem "Kameniz genannten Ort"- einen reichsoffenen Markt einzurichten. Diese urkundliche Erwähnung des "locus Kameniz" nahmen unsere Altvorderen 1893  zum Anlaß, ein 750jähriges Stadtjubiläum  zu begehen.
Zur Stadt Chemnitz führte die Marktsiedlung, gelegen etwa zwischen Zwickauer Straße, Chemnitzfluß und Kapellenberg, allerdings nicht. Unter Kaiser Barbarossa setzte dann ein erneuter Schub des Ausbaus des hiesigen Territoriums ein, in dessen Gefolge nach neuestem Erkenntnisstand nach 1170  die Stadt Chemnitz entstand. Die Stadtgründung wurde bis vor wenigen Jahrzehnten mit dem Aufenthalt des Kaisers in Altenburg 1165  in Verbindung gebracht, so daß 1965  und 1990  entsprechende Feierlichkeiten stattfanden, gesichert ist jedoch dieser Zusammenhang ebenfalls nicht.
Zunächst erfolgte der Bau der Stadtanlage in der Gegend der als Königskirche gestifteten Johanniskirche. In den folgenden Jahrzehnten wurde dann das endgültige Terrain zwischen heutigem Posthof, Falkeplatz, Chemnitzfluß und Rotem Turm bezogen.


Blick auf SaxoniabrunnenUm 1200  ist erstmals in einem Zinsregister von Pflichtigen "de civitate" die Rede, was auf das städtische Anwesen schließen läßt.
Der Bau der Stadtmauer, deren annähernder Verlauf noch heute zwischen Posthof, Falkeplatz und Theaterstraße nachvollziehbar ist, kann für das erste Drittel des 13. Jahrhunderts  angenommen werden, urkundlich ist sie erstmals 1264  belegt. Am Ende dieses Jahrhunderts war auch die Ratsverfassung ausgeprägt.
Bedeutsam für die weitere Entwicklung der Stadt, die bereits vor dem das Bannmeilenprivileg erhalten hatte, wurde der Erlaß des Bleichprivilegs 1357 . Damit begann der Aufstieg von Chemnitz zu einem wichtigen Zentrum gewerblicher Tätigkeit im Vorland des Erzgebirges.
Die Herstellung und Verarbeitung textiler Gewebe aus unterschiedlichen Grundstoffen bildeten von da an einen Hauptzweig im Wirtschaftsleben der Stadt. Parallel dazu erweiterte die Stadt durchumfangreichen Landkauf vom Kloster im Jahre 1402  ihr Territorium und erreichte so eine bis weit in das 19. Jahrhundert  unverändert gebliebene Ausdehnung.
Ab 1470  beherbergte die Stadt bis in das 16. Jahrhundert  hinein eine Saigerhütte und Kupferhämmer. Als bedeutendster Repräsentant dieses Zweiges galt Ulrich Schütz. Beweis für die erreichte Wohlhabenheit der Stadt war der Bau des Alten Rathauses und des Gewandhauses am Markt.
Vor allem war es der Bezug zum Bergbau und Hüttenwesen, der den Universalgelehrten und Begründer der modernen Montanwissenschaften Georgius Agricola, nach Chemnitz zog. Hier lebte er von 1531  bis zu seinem Tode im Jahre 1555 .
1546  übernahm er auf Anordnung des Herzogs Moritz von Sachsen das Amt des Bürgermeisters, ebenso in den Jahren 1547 , 1551  und 1553 .
Ein Jahrhundert später verheerte der Dreißigjährige Krieg die Stadt. Etwa fünf Jahrzehnte Wiederaufbauarbeit waren vonnöten, um dessen Folgen zu beseitigen.

Das 18. Jahrhundert  wurde auch in Chemnitz das der Manufaktur in der Tuchherstellung und -veredlung. Chemnitzer Tuche waren in ganz Europa begehrt, so daß die Stadt in den Mechanismus des sich herausbildenden Weltmarktes eingebunden wurde.


Blick auf Bismarck, Kaiser Wilhelm I., Moltke- DenkmalEin völlig neues Zeitalter begann für Chemnitz um 1800 . Mit der Inbetriebnahme der ersten beiden Bauwollspinnereien 1799  und 1800  setzte die industrielle Revolution ein. Zum ersten Mal in Chemnitz und in Sachsen ersetzte die mechanisch betriebene Maschine die menschliche Arbeitskraft. Waren die ersten Maschinen noch englischer Herkunft, so etablierte sich ab 1811  in Chemnitz ein eigenständiger Maschinenbau. Johann Samuel Schwalbe und Carl Gottlieb Haubold wurden dessen erste Protagonisten. Ihnen folgten Richard Hartmann, Johann Zimmermann und Louis Schönherr. Neben Leipzig und Dresden konnte Chemnitz seine Stellung in Sachsen festigen; August Schumann charakterisierte sie als "erste Fabrik- und zweite Handelsstadt" im Lande. Der nach Mitte des 19. Jahrhunderts  aufgekommene Begriff "sächsisches Manchester" widerspiegelte sowohl Anerkennung als auch Schattenseiten industriellen Aufstieges.


Blick auf den Markt 1930 Parallel zur Industrialisierung veränderte sich auch das Stadtbild. Mauern und Türme wurden niedergelegt, die Bebauung der Klostervorstadt, auf dem Anger und in Richtung Altchemnitz begann. Vor allem nach 1830/ 31  setzte auch ein Aufschwung des kulturellen Lebens ein, nachdem 1817  bereits die Singakademie entstanden war. Fortan prägten die städtische Kapelle (gegründet 1833), das Theater (entstanden 1838 ) und die Gewerbeschule als Vorläufer der heutigen Universität (gegründet 1836 ) eine bürgerliche Kultur; daneben traten später noch verschiedene Vereine wie die Kunsthütte (1836 ) und der Geschichtsverein (1872 ).
Chemnitz entwickelte sich zu einer pulsierenden Großstadt, wobei die 100.000- Einwohner- Grenze 1883  erreicht wurde. Die Eingemeindung der angrenzenden Vororte setzte 1880  ein. Zum Abschluß kam dieser Prozeß erst 1950 .
Bereits seit 1854  gab es in Chemnitz Gasanschluß, 1880  verkehrte die erste Straßenbahn, und seit 1852  vollzog sich die Einbindung In das Eisenbahnnetz. Mit der Inbetriebnahme der Einsiedler Talsperre 1893  verbesserte sich die Wasserversorgung der Stadt. Vor Allem nach 1900  legten die Stadtväter zunehmend Wert auf das "Äußere" von Chemnitz. Systematisch erfolgte die Anlage von Plätzen in den Stadtteilen um das Zentrum sowie die des Stadtparkes. Mit dem Theaterplatz (1906  bis 1909  entstanden), dem Neuen Rathaus (1907  bis 1911  erbaut) und der Bebauung um den alten Johannisfriedhof konnte Chemnitz nun repräsentative Bauensembles vorweisen. In den 20er Jahren  unseres Jahrhunderts entstanden Arbeiterwohnsiedlungen vor allem in Bernsdorf und Gablenz.

Das geistige Leben setzte gleichfalls entscheidende Impulse. So entstand 1907  die Künstlergruppe Chemnitz.
Karl Schmidt- Rottluff und seine Künstlervereinigung "Die Brücke" beeinflußten vor allem die Ausstellungen der Kunstsammlung.
Richard Taubersen führte zwischen 1912  und 1930  das Theater auf ein anerkanntes Niveau, das über den Verein Volksbühne auch für "Minderbemittelte" erlebbar war. Die Chemnitzer Versuchsschule stellte ein progressives Schulmodell dar.


August 1945Die Zeit des Nationalsozialismus hinterließ der Stadt ein schlimmes Erbe. In der Bombennacht des 5. März 1945  fielen zwei Drittel der Stadt in Schutt und Asche.
Das "alte Chemnitz" war damit erloschen; der nachfolgende Neuaufbau des Stadtzentrums tilgte bis auf wenige historische Bauwerke viele weitere Erinnerungen. Einen gewichtigen Teil ihrer Identität verlor die Stadt ebenfalls mit der Umbenennung 1953  in Karl- Marx- Stadt. Dabei hatte der Neuanfang 1945 , den ein breiter antifaschistischer Konsens trug und der sich zuerst auch in einem demokratisch verfaßten Rahmen bewegte, sich zunächst hoffnungsvoll gestaltet. Gestützt auf die Besatzungsmacht wurde jedoch Schritt für Schritt der Machtanspruch einer Partei durchgesetzt. Hatte die erste deutsche Republik zwischen 1919  und 1933  den Kommunen weitgehende Selbstverwaltung ermöglicht, so wurden nach 1949/ 50  die Befugnisse der Stadt erneut drastisch eingeschränkt. Kommunalwahlen hatten den Charakter einer demokratischen Entscheidungsmöglichkeit vollständig verloren. Trotz Demontage, Entnahmen und Reparationen war die Chemnitzer Industrie nach 1950/ 51  wieder auf den Weltmarkt zurückgekehrt, den einstigen guten Ruf vollständig zurückzuerlangen vermochte sie jedoch nicht.

Während offiziell der Partei- und Staatsapparat wie in anderen Teilen des Landes den 40. Jahrestag der DDR- Gründung am 7. Oktober 1989  feierte, versammelten sich Hunderte Bürger vor und im Chemnitzer Luxor- Palast. Ein Demonstrationszug von etwa 700 bis 800 Personen, der sich anschließend formierte, wurde von der Einsatzpolizei und Kampfgruppen gewaltsam aufgelöst.
Doch in den folgenden Wochen wuchs auch in Karl- Marx- Stadt die oppositionelle Bewegung gegen die herrschende SED- Diktatur. Montags- Demonstrationen bestimmten das politische und gesellschaftliche Leben in der Stadt. Tausende Bürger trafen sich zu großen Kundgebungen und postulierten ihrerseits das neue politische Willensbekenntnis. Im Mittelpunkt stand dabei die Auflösung der alten Machtstrukturen der SED, des MfS (Ministerium für Staatssicherheit, Anm. d. R.) und des DDR- Staatsapparates und die Herausbildung neuer freiheitlicher, demokratischer und unabhängiger Selbstverwaltungsorgane.
Im Januar 1990  nahm dann in Fortsetzung der Rathausgespräche der Runde Tisch Karl- Marx- Stadt seine Arbeit auf.

Im Frühjahr 1990  nahmen von 251.962 stimmberechtigten Bürgern der Stadt 191.139 an der von der Initiative "Für Chemnitz" initiierten Bürgerbefragung zur Rückbenennung von Karl- Marx- Stadt in Chemnitz teil.

Am 23. April 1990  wurde nach öffentlicher Auszählung der abgegebenen Stimmen das Ergebnis bekanntgegeben. Für den Stadtnamen Chemnitz stimmten 145.527 Bürger = 76,14 %. Demokratisch legitimiert konnte dann das gewählte Stadtparlament auf seiner ersten Sitzung am 1. Juni 1990  die Wiedereinführung des historisch angestammten Stadtnamens beschließen. Damit gewann Chemnitz einen Teil seiner Identität zurück.



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Stand: 2003




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